Die angehenden Kunstlehrkräfte zerlegten den fremd klingenden Titel der Ausstellung in kindgerechte Stücke: Sie betonten zunächst das gemeinsame Tun, das im Wort Kollektiv steckt, um dann zu beschreiben, wie bei der Osmose eine Flüssigkeit durch eine halbdurchlässige Trennwand gelangt, etwa wenn Wurzeln Wasser aufnehmen. Was aber hat das mit den großformatigen Bildern Murillos zu tun, vor die sich die Kinder auf den Boden gesetzt haben, um halb neugierig, halb versonnen in die expressiven, farbintensiven Gemälde zu schauen?
Oscar Murillo möchte, dass die Kunst im Museum nicht von der Umgebung und den Menschen in der Stadt getrennt wird, sondern Innen- und Außenräume miteinander verbindet, zum Austausch anregt und ermutigt, selbst daran mitzuwirken. Ein fließendes Hin und Her, Malerei in Bewegung, erklärten die Studierenden und animierten die Kinder, das Gesehene pantomimisch umzusetzen. Es dauerte nicht lange und ihr Arme begannen zu schwingen, Hände schnellten in die Luft, die Finger gespreizt, Augen und Münder weit geöffnet. Als Bild-Detektive suchten die Kinder in Murillos Malerei Linien, Farbflächen und Formen, um sie mit der eigenen gestischen Bewegung aufzunehmen und zu erweitern.
Aber natürlich interessierte sie auch, wie die Kunstwerke entstanden sind und was deren Titel zu bedeuten haben: „tamales (Drawings off the Wall)“, 2012, ist nach einem mesoamerikanischen Gericht benannt, für das Maismehl mit Füllung in Pflanzenblätter gewickelt wird. Mit dem Kugelschreiber gezogene Kreise treffen hier auf dicke Ölstick-Striche und gesprühte Farbe. An diesem Bild lernten die Kinder von den Studierenden, was unter einem „kulturellen Kontext“ zu verstehen ist. Im 2019 entstandenen Bild „flight#74“, fanden sie hingegen gefaltetes, mit Bleistift und Grafit bekritzeltes Japanpapier, das sich in besonderer Weise beidseitig betrachten ließ. Fast von selbst erklärte sich ihnen, dass diese Arbeit auf den zahlreichen Flugreisen entstanden sein musste, die den in London lebenden Künstler rund um den Globus führen.
Dass Murillo überall auf der Welt nicht nur eigene Spuren hinterlässt, sondern auch fremde sammelt, lässt sich in kaum einem anderen Werk eindrücklicher nachvollziehen als im Langzeitprojekt „Frequencies“, dessen Entstehungsgeschichte die Lebenswirklichkeit der Potsdamer Mädchen und Jungen unmittelbar berührte. Seit 2013 verteilt er auf allen Kontinenten Leinwände an Schulen und andere öffentliche Einrichtungen, um diese von Kindern nach deren Belieben füllen zu lassen. Was er nach mehreren Monaten zurückbekommt, sind teils aufwendige oder auch schnell hingeworfene Zeichnungen, Geschriebenes und Gekritzeltes – allesamt Gesten, die einer kollektiven Vorstellungskraft entsprungen sind und als Archiv aufbewahrt werden.
Einige der Leinwände hat Murillo jedoch zusammengenäht und zum Anlass und als Grundlage für weitere malerische Gesten genommen. Ein weltweit geschaffenes, kollaboratives Werk, das die Kinder in der Ausstellung von vorn und von hinten betrachteten, um dessen Herstellungsweise besser zu verstehen. Auf jeder der Leinwände sind die Schule und das Herkunftsland vermerkt.
Gleichsam eigene Spuren hinterlassen, dazu waren schließlich auch die Mädchen und Jungen der Evangelischen Grundschule Potsdam eingeladen, und zwar beim „Kollektiven Malen“ auf der Terrasse des MINSK. Mit Pinseln und in Farbe getauchten Händen erinnerten sie sich an die kleinen und großen Bewegungen in den zuvor gesehenen Kunstwerken und brachten sie auf die dort aufgestellte Leinwand. Dass ihr Gemaltes in den kommenden Wochen von weiteren Ausstellungsbesuchern wiederum übermalt werden könnte, das störte sie nicht. Denn das gehört zu jener Idee eines durchlässigen Museums, der „Kollektiven Osmose“.
„DAS MINSK“ als durchlässiger Lernraum – Lehramtsstudierende erprobten interaktive Formen der Kunstvermittlung
Was bedeutet „Kollektive Osmose“? Gleich zwei Fremdworte, die an diesem Vormittag zu erklären waren! Kunststudierende der Universität Potsdam luden eine 5. Klasse der Evangelischen Grundschule Potsdam ins Kunsthaus MINSK ein, um mit ihr die gleichnamige Ausstellung des kolumbianischen Künstlers Oscar Murillo (*1986) zu betrachten und dabei ein im Studium entwickeltes Vermittlungskonzept zu erproben. Den Raum dafür bot das Seminar „Learning from Oscar Murillo“ der Kunstwissenschaftlerin Prof. Dr. Melanie Franke.