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Welche Rolle spielt die ethnische Herkunft für die Sozialisation von Jugendlichen? – Dr. Tuğçe Aral forscht zur Identitätsbildung von jungen Menschen

  • Dr. Tuğçe Aral im Portrait.
    Foto: Ernst Kaczynski
    Dr. Tuğçe Aral ist seit 2018 akademische Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Inklusionspädagogik mit dem Schwerpunkt für Diversität an der Universität Potsdam. Sie beschäftigt sich intensiv mit der Ethnisch- Rassismusbezogenen Sozialisation (ERS) und deren Bedeutung für die Entwicklung junger Menschen.

Wie werde ich von anderen wahrgenommen – und was zeichnet mich als Mitglied in einer Gesellschaft aus? Wie Jugendliche und junge Erwachsene sich selbst und einander „sehen“, wird oft beeinflusst durch die eigene Sozialisation und hat gerade in jungen Jahren einen großen Einfluss auf die Identitätsbildung – vor allem bei einer Migrationsgeschichte. Wie Kinder und Jugendliche ihre ethnische Identität entwickeln und sich als Mitglieder einer Gruppe identifizieren, erforscht Dr. Tuğçe Aral am Lehrstuhl für Inklusionspädagogik der Universität Potsdam. Die Trägerin des Margret-und-Paul-Baltes-Preises der Deutschen Gesellschaft für Psychologie beschäftigt sich vor allem mit den Fragen, wie „Ethnisch-Rassismusbezogene Sozialisation“ –kurz ERS – in Gesellschaften stattfindet, wie diese Form der Sozialisierung mit der Entwicklung von rassifiziertem Wissen bei Jugendlichen zusammenhängt und welche Rolle Bildung dabei spielt. Dafür wurde sie 2024 auch für den Better World Award UP der Universitätsgesellschaft nominiert.

Die Rolle der Familie 

ERS ist ein universeller Prozess, der prägt, wie Individuen ihre Position in der gesellschaftlichen Struktur und ihre interkulturellen Interaktionen verstehen. Obwohl dieser Prozess alle betrifft, variieren die spezifischen Erfahrungen damit – je nach sozialen Kontexten wie Familie, Schule und Gesellschaft. ERS umfasst sowohl nonverbale Botschaften, wie die kulturellen Symbole im häuslichen Umfeld, als auch explizite Gespräche überethnische Herkunft, Kultur und Diskriminierung. „Als Person mit oder ohne sogenannte Migrationsgeschichte wahrgenommen zu werden, ist in Deutschland ein wichtiges gesellschaftliches Kategorisierungsinstrument, das die eigenen Erfahrungen als junger Mensch, aber auch die Interaktion mit Erwachsenen, Lehrkräften und Gleichaltrigen prägt“, erläutert die Inklusionspädagogin. „In jedem Fall hat die Familie einen großen Einfluss, insbesondere in jungen Jahren oder der Jugend. Denn sie lehrt uns, wer wir sind und zu welcher Gruppe oder welchen Gruppen wir gehören.“ Die familiäre ERS für Jugendliche mit und ohne Migrationsgeschichte unterscheidet sich dabei meiststark. Denn wenn es um Gespräche über Kultur, Herkunft, Vielfalt und Diskriminierung geht, sind Familien mit Migrationsgeschichte aktiver als andere: „Als wir Interviews mit deutschen jungen Erwachsenen ohne Migrationsgeschichte führten, erwähnten sie, dass es an expliziten Gesprächen über das Deutschsein, Kultur und Rassismus mangelt“, erinnert sich Aral. „Die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland neigt dazu, über Themenwie Rassismus und kulturelle Identität zu schweigen.“ Auch hier spiele die Familie eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, ein positives Selbstbild zu entwickeln, etwa, indem sie die Verantwortung für Rassismus und das Bewusstsein für Privilegien in der Gesellschaft fördere.

Schulen können viel bewegen 

Aber auch Bildungseinrichtungen können einen positiven Rahmen für kulturelle Vielfalt und Integration schaffen. Im besten Fall fördern Schulen Gleichbehandlung und Multikulturalismus, ermutigen zu kritischem Bewusstsein und aktiver Reflexion über soziale Ungleichheiten. Mithilfe von Umfragen, Interviews und Beobachtungen in Klassenzimmern geht Dr. Tuğçe Aral in ihrer Forschung der Frage nach, wie Bildungseinrichtungen positive kulturelle Vielfalt und Integration fördern können. Zu den erfolgreichsten Ansätzen zählt, die Gleichbehandlung und den Multikulturalismus, also die Wertschätzung der kulturellen Vielfalt, zu fördern. „Hier zeigte sich unter anderem, dass das multikulturelle Klima in einem positiven Zusammenhang mit positiven Einstellungen zwischen den Gruppen, höheren Leistungen, Motivation und dem Gefühl der Zugehörigkeit zur Schule steht. Andersherum stehen wir bei ‚neutralen‘ Schulkulturen vor der Herausforderung, dass Schulen möglicherweise Gespräche über ‚Race‘ und ethnische Zugehörigkeit vermeiden, um neutral oder inklusiv zu wirken.“ Dr. Aral sieht eine Herausforderung auch darin, dass Lehrende oft unzureichend auf kulturell sensible Pädagogik vorbereitet sind, was zu Unbehagen im Umgang mit kultureller Vielfalt führt. Dies kann ungleiche Disziplinarmaßnahmen und Leistungserwartungen zur Folge haben, die wiederum ungewollt gesellschaftliche Stereotype und Vorurteile verstärken. 

Die ERS ist daher nicht nur eine essenzielle integrale Komponente der Identitätsbildung junger Menschen, sondern gleichermaßen eine Herausforderung und Chance für pädagogische Einrichtungen, die auf Verständnis, Akzeptanz und aktive Förderung von Vielfalt abzielen. So resümiert Dr. Tuğçe Aral: „Wenn Jugendliche in einem Umfeld unterstützt werden, das Vielfaltschätzt und fördert, entwickeln sie vermutlich eine stabile Grundlage für ihr Selbstwertgefühl, das sie vor Ausgrenzung und Diskriminierung schützt. Dies ermöglicht ihnen, selbstbewusst an verschiedenen sozialen Kontexten teilzunehmen und einen positiven und aktiven Beitrag zu ihren Gemeinschaften zu leisten.“


Dr. Tuğçe Aral ist seit 2018 akademische Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Inklusionspädagogik mit dem Schwerpunkt für Diversität an der Universität Potsdam. Sie beschäftigt sich intensiv mit der Ethnisch- Rassismusbezogenen Sozialisation (ERS) und deren Bedeutung für die Entwicklung junger Menschen. Ihre Forschung legt einen Schwerpunkt auf die vielfältigen Botschaften, Praktiken und Erfahrungen, durch die Kinder und Jugendliche lernen, sich mit ethnisch-rassischen und kulturellen Identitäten auseinanderzusetzen. Sie ist auch Co-Moderatorin des Podcasts „(Re)searching Diversity“.

https://www.researchingdiversity.com/ 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.