2025 öffnete die von drei Pädagoginnen gegründete Schule am Berliner Stadtrand ihre Tore für Erst- und Zweitklässler. Die Gründerinnen möchten nichts Geringeres, als das deutsche Schulsystem revolutionieren – mit einer Modellschule, in die Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis einfließen.
Warum es eine neue Form des Lernens braucht? „Unsere Gesellschaft verändert sich rasant, doch die Schulstrukturen sind starr und unflexibel“, sagt die Pädagogische Leiterin und Gründerin Friederike Manzer. Das Schulsystem sei nie grundlegend auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse reformiert worden, sondern in einer konzeptionellen Krise gefangen. Manzer studierte im Grundschullehramt an der Universität Potsdam und machte 2019 ihren Abschluss. Damals war im Lehramtsstudium nur ein Praktikum an einer Schule vorgesehen. Für Manzer zu wenig. Deswegen beteiligte sie sich am Aufbau der Initiative „Kreidestaub“: Angehende Lehrkräfte sollten schon während des Studiums unterschiedliche Schulen kennenlernen – auch über Lernreisen.2016 nahm sie erstmals mit einer Gruppe von Studierenden daran teil. Sie besuchten staatliche und reformpädagogische Schulen, die für ihre Arbeit mit dem Deutschen Schulpreis oder dem Jakob Muth Preis für Inklusive Schulen ausgezeichnet worden waren. „Wenn ich nie erlebt habe, wie Schule anders sein kann, dann werde ich auch nichts verändern“, so die Pädagogin.
Schulen auf der ganzen Welt
2019 vergrößerte sich der Radius und die Studierenden erkundeten drei Monate lang Schulen in Finnland, Schweden, Russland, Singapur, China, Hongkong, Vietnam und Malaysia. Auf Initiative von Manzer und Ann-Kathrin Keppke, die an der Uni Potsdam ihren Master in Bildungs- und Erziehungswissenschaften absolviert hat. „Auf dieser Reise haben wir wahnsinnig viele verschiedene Eindrücke gesammelt“, erzählt Manzer. Und doch ähnelten sich die landestypischen Schulen im Kern: Kinder saßen an Tischen und hörten einer Lehrkraft zu. „Wir haben danach sehr viel darüber nachgedacht, wie ein ideales Bildungssystem aussehen könnte.“ Und beim Nachdenken blieb es nicht. Direkt nach der Weltlernreise schlug Ann-Kathrin Keppke vor, gemeinsam eine Schule zu eröffnen. Mit an Bord war auch Co-Gründerin Julia Westphal, die an der Uni Münster studiert hatte. „Unsere Hauptmotivation war es, die deutsche Schullandschaft zu verändern. Deswegen wollten wir mit der Marille eine Modellschule entwickeln.“
Diese Idee bedeutete sechs Jahre Vorarbeit mit etlichen Wochenendschichten, in denen die Gründungsgruppe sich neben dem pädagogischen Programm auch mit Existenzgründung, Unternehmensführung und Marketing auseinandersetzten. „Das war eine sehr intensive Zeit. Allein am Schulkonzept haben wir drei Jahre lang geschrieben, immer im Austausch mit Menschen aus der universitären Forschung und der Praxis. „Im Zentrum stehen Werte wie die Individualität von Menschen, Empathie oder Nachhaltigkeit.
Das Wichtigste ist den Gründerinnen aber, dass ihr Schulkonzept veränderlich bleibt. „Die Marille soll sich mit neuen Erkenntnissen stetig weiterentwickeln.“
Kinder lernen und geben Wissen weiter
Im September 2025 war es endlich so weit, 15 Kinder wurden eingeschult. Das Konzept nehmen sie gut an. „Die Schüler*innen sind sehr frei, sich mit Lerninhalten auseinanderzusetzen“, so Manzer. „Vor Kurzem haben zwei Kinder einen Regenwurm gefunden und recherchiert, wie diese Tiere leben. Die Ergebnisse haben sie den Eltern beim Laternenfest präsentiert.“ Klassenräume gibt es nicht, anstelle von Klassenverbänden „Stammgruppen“ mit 15 Kindern. Der Mittwoch ist für Ausflüge vorgesehen, an den anderen Tagen stellen sich die Kinder einen individuellen Stundenplan aus verschiedenen Lernangeboten zusammen. Nicht nur Lehrkräfte, sondern auch die Kinder selbst geben dabei ihr Wissen weiter. Etwa wenn ein Junge den Mitschülern das Schnitzen beibringt oder wenn Kinder im „Feengarten“ unter Anleitung einer Schülerin eine magische Landschaft gestalten. Wichtig ist den Lehrkräften dabei, dass die Kinder das, was sie beginnen, auch zu Ende bringen. Mit Lernheften können die Kinder in der freien Lernzeit selbstständig arbeiten. Im Bewegungsraum bauen die Erst- und Zweitklässler Hütten, lernen Geometrie oder machen Yoga. „Sie sind immer voll dabei“, sagt Friederike Manzer und lächelt. Ziel ist es dabei nicht, dass alle am Ende des Schuljahres den gleichen Stand haben. Die Kinder sollen die Kompetenzen des Rahmenlehrplans erwerben – aber im individuellen Tempo. Dafür arbeiten die Lehrkräfte mit einem digitalen Programm, in dem die in den Angeboten erworbenen Fähigkeiten vermerkt werden. „So behalten wir den Überblick“, sagt Friederike Manzer.
Mentorin für die Schulgründung ist Nadine Spörer. Die Professorin für Psychologische Grundschulpädagogik an der Universität Potsdam bringt eine große Expertise in Sachen Schulgründung mit. Schließlich setzt sie sich im Rahmen der Potsdamer Universitätsschule seit Langem mit zeitgemäßem Lernen auseinander. In regelmäßigen Meetings berät Spörer das Gründungsteam in Fragen der Datenerhebung und Evaluation. Die Zusammenarbeit entstand über das EXIST-Gründungsstipendium, um das sich die drei Pädagoginnen mit Unterstützung von Potsdam Transfer erfolgreich beworben hatten. „Ich habe mich wirklich gefreut über die Anfrage dieses jungen, weiblichen Teams“, sagt Spörer. „Es sind drei sehr enthusiastische Gründerinnen mit einer genauen Vorstellung davon, was sie erreichen wollen.“ Die Professorin hält es für sinnvoll, dass die Marille-Schule auf die individuelle Entwicklung setzt. „Das pädagogische Team begleitet die Schulanfänger*innen intensiv. Die eigene Motivation steht im Mittelpunkt, darauf aufbauend werden Lernprozesse gestaltet. Da ist es nur konsequent, dass Kinder nicht nur mit-, sondern auch voneinander lernen.“
Eine Brücke zur Universität
An der Marille bespricht einmal wöchentlich eine Lehrkraft mit jedem Kind seine Lernziele, den Schulalltag und das Wohlbefinden in der Gruppe. Dieses Mentoring-Konzept haben die Gründerinnen von einer Weltlernreise aus Israel mitgebracht. „An dieser Schule ging es darum, sich Zeit für jedes einzelne Kind zu nehmen. Unsere Vision einer Schule der Zukunft ist es, auch die Persönlichkeitsentwicklung zu fördern.“ Im Rahmen der Abschlussarbeit einer Studentin an der Professur von Nadine Spörer wird dieses Mentoring-Programm derzeit evaluiert. Sie zeichnet die Mentorings auf und wertet sie aus. „Wir können so besser verstehen, welchen Effekt das Mentoring hat und ob sich etwa die Reflexionsfähigkeit der Kinder verändert“, sagt Manzer. Spörer hält solche Datenerhebungen für grundlegend. „Denn so können wir die Frage beantworten, wie gut es gelingt, Ideen in die Praxis zu bringen. Wir sprechen hier von datengetriebener Schulentwicklung. Diese Offenheit für Evaluation würden wir uns eigentlich auch von anderen Schulen wünschen.“ Schließlich liefern Daten gute Argumente, etwa gegenüber politischen Stakeholdern.
Professorin Nadine Spörer kann sich eine Zusammenarbeit über die Dauer des Stipendiums hinaus vorstellen. „Hier ist ein Vertrauensverhältnis entstanden. Die Idee, mit einer Schule zu starten, und dabei die Vision zu verfolgen, das Konzept auf andere Schulen zu übertragen: Dieses ‚Think-Big‘ hat mich beeindruckt“, sagt Spörer. „Die Gründerinnen haben eine sehr klare Vision, wo die Reise hingehen soll. Und Veränderungen im Bildungssystem brauchen viel Ausdauer.“ Im nächsten Schuljahr kommen 45 neue Erstklässler. Perspektivisch sollen die Kinder an der Marille die Möglichkeit haben, hier später auch den Schulabschluss zu machen – nach der zehnten Klasse oder mit dem Abitur. Für Friederike Manzer braucht es aber noch viel Aufklärung darüber, was Kinder zum Lernerfolg führt. „Die allermeisten Menschen kennen Schule anders. Uns begegnen viele Unsicherheiten und Ängste vor dem Unbekannten.“ Ein Raum, in dem es leise ist, und ein Erwachsener spricht – das ist für viele eine Lernsituation. „Dabei sagt das gar nichts darüber aus, ob tatsächlich Lernen stattfindet“, so die Pädagogin. „Woran messen wir, was eine gute Schule ist? Wollen wir uns nur an PISA Ergebnissen orientieren oder geht es nicht auch darum, dass junge Menschen psychisch gesund aus der Schule kommen?“
Professorin Nadine Spörer sieht es als Aufgabe der Lehramtsausbildung, dafür zu sorgen, dass künftige Lehrerinnen und Lehrer ganz unterschiedliche Schulen kennenlernen. Sie kann sich vorstellen, den Potsdamer Studierenden künftig eine Brücke zur Marille zu bauen, über Lernreisen oder Abschlussarbeiten. Vielleicht gehen die kommenden Generationen von Lehrkräften dann mit vielfältigen Ideen in den Beruf – und trauen sich, Schule einmal ganz neu zu denken.
Friederike Manzer studierte Grundschullehramt an der Universität Potsdam und gründete 2025 gemeinsam mit Mitstreiterinnen die Marille-Schule in Berlin-Marienfelde.
Nadine Spörer ist seit 2010 Professorin für Psychologische Grundschulpädagogik an der Universität Potsdam und unterstützt die Schulgründung als Mentorin.
Zur Marille-Schule: https://www.marille-schule.de/
Initiative „Kreidestaub“: https://www.kreidestaub.net/
Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.