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„Forschung und Lehre müssen industrienah sein“ - UP-Alumna Dr. Sylvia Lucht vom Kunststoffhersteller und -veredler Orafol

  • Dr. Sylvia Lucht im Portrait
    Foto: Martin Tervoort
    Dr. Sylvia Lucht
  • Luftaufnahme: Das ORAFOL-Werk in Oranienburg
    Foto: Reinhardt & Sommer
    Das ORAFOL-Werk in Oranienburg.

Dr. Sylvia Lucht hat als Executive Vice President EMEAI & Material Solutions beim Kunststoffhersteller und -veredler Orafol für den Masterstudiengang Physik an der Uni Potsdam ein berufsfeldbezogenes Gutachten erstellt.

Frau Dr. Lucht, was war das Ziel des Gutachtens?

Das Gutachten diente der internen Akkreditierung des Studiengangs Master of Science Physik. Ich bin dankbar für die Möglichkeit, den Fachbereich zur Ausbildung zukünftiger Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler zu beraten.

Zu welcher Erkenntnis sind Sie gekommen?

Wir vertreten die These, dass Forschung und Lehre an der Universität nicht nur industrienah sein können, sondern auch müssen. 

Inwiefern sollte die Universität Studierende besser auf die Arbeitswelt vorbereiten?

Die gute Nachricht ist, dass die Inhalte des Masterstudiums Physik später in der Industrie gebraucht werden. Allerdings wird die Fähigkeit, Forschung als Teil eines gesamten Wertschöpfungsprozesses zu verstehen, für den industriellen Innovationserfolg immer bedeutender.

Was fehlt also in der universitären Ausbildung?

Aspekte wie Projektmanagement, Regulatorik und globale Marktentwicklungen spielen heute eine zentrale Rolle bei der wissenschaftlichen Arbeit im industriellen Mittelstand. Wer Naturwissenschaftler ausbildet, sollte diese Tatsache mitdenken. Im Gutachten plädiere ich dafür, im Masterstudium auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse zu vermitteln.

Was raten Sie konkret?

Ich bin überzeugt: Die Zukunft gehört jenen, die wissenschaftliche Tiefe, technologische Kompetenz und betriebswirtschaftliches Denken miteinanderverbinden. Studenten sollten früh Einblick in Forschungs- und Entwicklungsarbeit in der Industrie erhalten. Dazu gehört zu lernen, wie interdisziplinäre Teams aufgebaut werden, wie man Projekte gemeinsam vorantreibt und wie man gezielt externe Partner einbindet, wenn bestimmte Kompetenzen fehlen. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, Ideen und Entwicklungen klar und überzeugend innerhalb eines vorgegebenen Zeitrahmens zu präsentieren. Ein Studiengang sollte genau diese Kompetenzen systematisch vermitteln.

Seit Sie 2002 bei Orafol angefangen haben, arbeiten Sie mit dem „Partnerkreis Industrie und Wirtschaft“ der Uni Potsdam zusammen. Warum?

Unser Ziel ist, einerseits deutlich zu machen, welche Anforderungen in der Industrie an Berufseinsteiger gestellt werden. Was sollten Absolventen mitbringen? Andererseits bietet uns der Austausch die Möglichkeit, früh in Kooperationen zu investieren – bei Forschungsthemen, die für uns als Kunststoffspezialist zukünftig eine Rolle spielen. 

Wie kooperieren Sie konkret? 

Studenten leisten wichtige Impulse bei Orafol, wenn sie ihre Masterarbeiten in unserem Unternehmen verfassen. Diese Ergebnisse fließen auch in unsere Technologien und Prozesse ein – sie sehen, wie sich ihre Arbeit in konkreten Kundennutzen übersetzen lässt. Gemeinsame Forschungsprojekte sind ein zweiter Schwerpunkt. 

Um welche Art von Forschungsprojekten handelt es sich?

Vor wenigen Monaten haben wir mit Studenten gemeinsam die Fragestellung bearbeitet: Wie lassen sich Prozesse bei Orafol mittels Künstlicher Intelligenz optimieren? Im Grunde bewegt uns also all das, was auch die Gesellschaft in der Breite interessiert – wie der Nutzen von KI zum Beispiel.

Was empfehlen Sie Studierenden als erste Schritte in die Wirtschaft?

Bauen Sie sich früh ein Netzwerk auf! Karrieremessen sind ein üblicher und guter Startpunkt, um ins Gespräch zu kommen – auch mit uns. Wir öffnen zusätzlich regelmäßig unsere Türen für Rundgänge an unserem Stammsitz in Oranienburg. Kurze Praktika reichen oftmals schon, um sich besser zu orientieren. Aus Überzeugung empfehle ich: Nutzen Sie die Angebote, auch von familiengeführten Unternehmen wie Orafol, wo Sie schnell einen tiefen Einblick in die Praxis erhalten können!

Was erleichtert Studierenden den Übergang in den Job?

Mein Tipp für den Start: Offen sein! Wir sehen, dass Kolleginnen und Kollegen, die interessiert sind, die viele Fragen stellen, aber auch die Fähigkeit besitzen zuzuhören, sich sehr schnell wohl bei uns fühlen.

Was hat Ihnen als promovierte Physikerin geholfen, Karriere zu machen?

In einem weltweit aktiven Industrieunternehmen wie Orafol müssen wissenschaftliche Ergebnisse nicht nur theoretisch überzeugend sein – sie müssen sich in der Produktion wirtschaftlich und effizient abbilden lassen. Genau das hat mich immer gereizt. Ich bin in einer Handwerker-Familie aufgewachsen. Das hat meinen Blick für pragmatische Herangehensweisen geprägt und sicher auch meine Entwicklung hier im Unternehmen. Denn am Ende halten wir ein konkretes Produkt, die Lösung für ein Problem, in der Hand. Ohne meine Flexibilität hätte ich einen anderen Weg eingeschlagen. Davon bin ich überzeugt.


Dr. Sylvia Lucht studierte Physik, Mathematik und Informatik an der Universität Potsdam und promovierte am Lehrstuhl für Atom- und Molekülphysik des Instituts für Experimentalphysik. Anschließend war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Optik der TU Berlin und am Institut für Physik an der Uni Potsdam. 2002 begann sie bei Orafol im Bereich Forschung und Entwicklung. Heute verantwortet sie den Geschäftsbereich „Reflective Solutions“ und den strategischen Vertrieb für die Orafol Gruppe in der Region Europa, Naher Osten, Afrika und Indien.

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.