Einen Arbeitsplatz mitten auf dem Uni-Campus und die Möglichkeit, sich mit Studierenden und Lehrpersonal auszutauschen, findet die 35-jährige Geschäftsführerin ideal. Seit bald einem Jahr feilt sie mit ihrem Co-Gründer Gabor Farkasch an einer besonderen App: Bei xounds können die Nutzer*innen künftig geschützt Geschichten, Podcasts und Geräusche über Intimität und Sexualität akustisch einbringen und miteinander teilen.
Die Idee dazu kam erst nach vielen Jahren und beruflichen Stationen. Ihr sei immer wichtig gewesen, „gesellschaftlich etwas zu verändern und mitzugestalten“, erzählt Cornelia Steinbock. Demos gegen den Irakkrieg waren während der Schulzeit in Berlin selbstverständlich, das Abi-Fach Politische Wissenschaften wollte sie an der Uni vertiefen: „Politisch sein ist keine Option, sondern unser Recht und unsere Möglichkeit in der Demokratie.“
2009 begann sie an der Uni Potsdam mit Politikwissenschaften und Öffentlichem Recht. Das zweite Fach tauschte sie gegen BWL und ging mit einem Erasmus-Stipendium nach Irland, um ihr Englisch zu verbessern. „Irland war die bessere Wahl als Großbritannien. In den Politikkursen wurde viel über den Nordirland-Konflikt diskutiert.“
Nach dem Bachelor-Abschluss arbeitete sie als studentische Mitarbeiterin im Bundestag. Dann zog es sie für ein kurzes Masterstudium in „Europäischer Politik“ wieder an die Uni in Limerick: „Die irische Verbindung blieb.“ Nach einem Job bei einer Organisation für Menschenrechte übernahm sie an der Irischen Botschaft in Berlin eine Elternzeitvertretung – und landete danach in London bei „Tourism Ireland“, der staatlichen Tourismusbehörde für die Insel Irland. „Dort habe ich zwei Jahre lang Marketing gelernt.“
Eine Erfahrung, die sie für den Job als Wirtschaftsreferentin – wieder an der Irischen Botschaft in Berlin – qualifizierte. Zuständig war sie diesmal für die Beziehungen zwischen Deutschland und Irland, die EU, Landwirtschaft, Tourismus und Technologie. „So bin ich 2017 in die Tech-Branche gekommen.“ Sie beschäftigte sich mit Künstlicher Intelligenz in Deutschland: „Mir wurde klar, dass weiße Männer die KI mit bestimmten Inhalten trainieren, die wiederum diese Daten reproduziert. Diese Verzerrung fand ich sehr spannend.“
Den letzten Impuls für xounds gab der Lockdown in der Corona-Pandemie. Sie habe danach mit einem guten Kumpel – trotz aller Bedenken – eine sexpositive Party besucht und sei beeindruckt gewesen, wie respektvoll man dort miteinander umgeht. „Die Regeln, dass man sich nur in gegenseitigem Einverständnis annähert, standen vorher fest – und ein Team war für Aufklärung, Prävention und gegenseitiges Achtgeben vor Ort.“
Aus dieser Erfahrung entstand die Idee, im Digitalen einen Raum zu schaffen, um sexuelle Vorstellungen anders und im Konsens ausleben zu können – „und zwar für all jene, die gerade nicht gut repräsentiert werden und sich bisher selbst kaum repräsentieren konnten, wie Frauen über 40, queere Personen oder echte Paare.“ Pornografie sei meist für Männer gemacht und erotische Literatur nicht für jeden Geschmack. „Wir wollten eine niedrigschwellige Möglichkeit finden, damit jede und jeder eine Geschichte, Reflexionen, Gespräche und Geräusche sicher und kontrolliert präsentieren kann.“
Mit finanzieller Unterstützung des Berliner Startup Stipendiums erstellte Cornelia Steinbock mit ihrem Co-Gründer einen Flyer mit Logo und Idee. „Wir haben uns auf dem Christopher Street Day in Berlin das Feedback von ungefähr 100 Leuten geholt“, erzählt sie. „Vor allem die Frauen fanden das cool, dass sie mit ihrer Stimme anonym etwas teilen oder reinhören können.“
Eine App für erotische Audios: Das rührt an ein Tabu. Umso mehr habe sie sich gefreut, dass sie mit ihrem Co-Gründer und einer Dateningenieurin den Prototypen im Gründungszentrum von Potsdam Transfer vorstellen konnte: „Wir haben zehn Minuten lang gepitcht.“ Das technologisch innovative Projekt stieß auf Interesse, Potsdam Transfer half bei der Bewerbung für das Exist-Gründungsstipendium und wenige Wochen später kam die Zusage.
xounds wurde im April 2025 gegründet, mittlerweile gehen noch ein Freelancer als Führungskraft sowie Praktikant*innen im Büro ein und aus. Die neue App lässt sich bereits herunterladen, mehr als 500 erste Nutzer*innen haben den Prozess begleitet. Jetzt müssen die Technik verfeinert und die KI weiter trainiert werden. Diese soll die Stimmen von Personen, die ihre Audios und Einwilligungen einstellen, als identisch abgleichen und die Inhalte auf Diskriminierungen kontrollieren.
Das junge Unternehmen bewirbt sich deshalb aktuell um eine weitere Förderung durch Exist. Das würde ein weiteres Jahr ohne freie Wochenenden bedeuten, sagt Cornelia Steinbock: „Ein Startup ist unglaublich viel Arbeit. Darauf sollte man wirklich Lust haben.“
Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.