Durch Zufall nach Potsdam
Dass er einmal an der Universität Potsdam arbeiten würde, war nicht von langer Hand geplant. „Ich bin eigentlich durch Zufall hier gelandet“, sagt er. Als Postdoktorand in den USA hatte er bereits ein Angebot aus der Industrie nahe Philadelphia. „Ich hätte es wirklich gern angenommen.“ Doch dann erhielt seine damalige Partnerin, heute seine Frau, eine Stelle in der Schweiz. Kurz darauf kam eine E-Mail seines früheren Betreuers der Diplomarbeit mit dem Angebot, an die Universität Basel zu kommen, mit viel Freiheit für eigene Ideen. Dies führte zur Gründung der Arbeitsgruppe Taubert mit einem Doktoranden an der Universität Basel. Als die Universität Potsdam wenig später eine Juniorprofessur ausschrieb, dachte Taubert: „Ja, warum eigentlich nicht?“ Die Ausschreibung klang interessant und thematisch passend. Seine Frau sagte sofort zu, mitzugehen. Aus einer pragmatischen Entscheidung wurde ein langfristiger Lebensmittelpunkt.
Was Taubert wissenschaftlich auszeichnet, ist weniger ein klar abgegrenzter Schwerpunkt als ein Profil, das über Jahre gewachsen ist. Physikalische und anorganische Chemie, Geo- und Umweltwissenschaften, Polymere und Hybridmaterialien, Biomaterialien, ionische Flüssigkeiten und heute die Wasserforschung. Themen, die sich nicht ersetzt, sondern ergänzt haben. „Mein wissenschaftlicher Weg ist nicht linear“, sagt er. „Die Dinge konvergieren.“ Frühere Arbeiten werden plötzlich wieder relevant, Ideen aus der Promotion greifen in aktuelle Projekte hinein. Forschung versteht er nicht als Abfolge von Modeerscheinungen, sondern als langfristigen Prozess, in dem Wissen sich verdichtet.
Seine Professur für Supramolekulare Chemie beschreibt diesen Ansatz gut. Im Zentrum steht das Zusammenspiel vieler Bausteine, aus dem neue Funktionen entstehen. „Ein einzelnes Molekül kann vieles nicht. Im Verbund entsteht jedoch etwas Neues, Nützliches.“ Gleichzeitig spricht Taubert offen darüber, dass seine heutige Arbeit stark in der angewandten Materialchemie verankert ist. Diese Klarheit im Umgang mit fachlichen Begriffen und Grenzen macht seine Forschung anschlussfähig, innerhalb der Universität ebenso wie im Austausch mit externen Partnern.
Musik als Ausgleich
Neben Forschung und Lehre engagiert sich Taubert in besonderem Maße für die Universität selbst. Er organisiert Konferenzen und Workshops, baut Netzwerke auf, begleitet Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler und bringt unterschiedliche Disziplinen zusammen. Tätigkeiten, die im akademischen Alltag unverzichtbar sind, aber selten im Mittelpunkt stehen. „Ich habe irgendwann meinen Lebenslauf aktualisiert und gemerkt, wie viel da eigentlich zusammenkommt.“ Der Transferpreis 2025 war für ihn kein Ziel, sondern eine Anerkennung dieses langfristigen Engagements und Motivation, weiterzumachen.
Ausgleich findet Taubert in der Musik. Schon früh begann er Trompete zu spielen, ein Instrument, das ihn seit vielen Jahren begleitet. Während intensiver wissenschaftlicher Phasen trat die Musik zeitweise in den Hintergrund, kehrte aber später bewusst in seinen Alltag zurück. Heute spielt er wieder regelmäßig. Für ihn ist das mehr als ein Hobby. Musik zwingt zur Konzentration, schafft Distanz zum Arbeitsalltag und öffnet einen anderen Denkraum. „Der Kopf kommt von der Arbeit weg“, sagt er, „weil man ganz bei den Noten ist.“ Auch hier zeigt sich ein Motiv, das sein wissenschaftliches Arbeiten prägt. Das Zusammenspiel vieler Stimmen, das gegenseitige Zuhören.
Transfer versteht Taubert bewusst weit. Industriekooperationen gehören dazu, aber ebenso Schulbesuche, die jährliche Kinderuni an der Universität Potsdam und öffentliche Vorträge. Die Zusammenarbeit mit Unternehmen gewährt den Zugriff auf eine größere Auswahl an Fördermitteln, zudem richtet sich die Forschung in solchen Projekten an reale Bedingungen und hat den Markt im Fokus, was den Blick über den eigenen Tellerrand erfordert. Für ihn nicht nur ein sehr spannender, sondern auch notwendiger Aspekt. „Meine Chemie ist überall drin. Aber wenn man das nicht erklärt, bleibt sie unsichtbar.“
Seine Forschung dreht sich um Wasser
Seine eigene Biografie nutzt er dabei oft als Gegenbeispiel zu gängigen Vorstellungen. „Ich wäre wegen meiner Mathenoten fast vom Gymnasium geflogen“, sagt Taubert und schmunzelt. „Man braucht keine perfekten Zensuren. Aber man muss bereit sein, Zeit zu investieren und dranzubleiben.“ Heute steht Wasser im Zentrum seiner Forschung. Ein Thema von globaler Bedeutung, aber für Taubert auch biografisch bedeutsam. Umweltfragen wie Waldsterben und Chemieunfälle haben ihn früh beschäftigt. Er erinnert sich an die Sandoz-Katastrophe von 1986 als einen Moment, der sein eigenes Umweltbewusstsein nachhaltig geprägt hat. Der Brand eines Chemikalienlagers am Rhein brachte auch seinen Alltag abrupt zum Stillstand: Fenster wurden geschlossen, die Familie blieb im Haus, die Schule fiel aus. Lange war unklar, wie gefährlich die Situation tatsächlich war. Rückblickend ordnet Taubert dieses Erlebnis in eine Kindheit ein, die stark von Naturerfahrungen bestimmt war. Das Unglück ist für ihn eine frühe Erfahrung, die zeigte, wie unmittelbar industrielle Umweltgefahren das eigene Lebensumfeld betreffen können. Seine Arbeit wirkt wie ein langsames Zurückkehren zu diesen Fragen. Wie gehen wir mit Ressourcen um? Welche Verantwortung trägt die Wissenschaft für Gesellschaft und Umwelt?
Für die Zukunft der Universität wünscht sich Taubert noch mehr thematische Zusammenarbeit und weniger starre Disziplingrenzen. Forschung und Lehre solle stärker von gemeinsamen Fragestellungen ausgehen, nicht von formalen Zuständigkeiten. Es ist eine Haltung, die sich durch sein gesamtes Arbeiten zieht, voller Bewegung, Ideen und Verbindungen.
Andreas Taubert ist seit 2006 Professor für Supramolekulare Chemie an der Universität Potsdam.
Die Arbeitsgruppe für Supramolekulare Chemie erforscht nachhaltige Materialien für Umwelt- und Wasseranwendungen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Bio- und Aktivkohlen, die aus regionalen Bioabfällen wie Kaffeesatz oder Orangenschalen gewonnen werden. Diese kohlenstoffbasierten Materialien werden für die Entfernung von Schadstoffen aus Wasser entwickelt und untersucht. Zudem arbeitet die Gruppe an Hydrogel- und Kompositmaterialien auf Basis von Biopolymeren, die ebenfalls für die Wasseraufbereitung verwendet werden können.
Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.