Zum Hauptinhalt springen

Von der Literaturwissenschaft zur Neuroscience – Alex Miklashevsky ist Forschungsgruppenleiter am Museum für Naturkunde und Vertretungsprofessor an der Uni Potsdam

  • Kognitionswissenschaftler Alex Miklashevsky im Portrait. Leger im Shirt an ein Geländer gelehnt.
    Foto: Ernst Kaczynski
    Kognitionswissenschaftler Alex Miklashevsky.

Wer an Museen denkt, hat wohl vor allem Dauer- und Sonderausstellungen, Vernissagen und Führungen vor dem inneren Auge. Doch jenseits der Besucherströme sind sie auch Orte, an denen wissenschaftlich geforscht wird. Besonders naturkundliche Einrichtungen, die wie das Berliner Museum für Naturkunde eine mehrere Jahrhunderte alte Sammlung mit Millionen von Objekten ihr Eigen nennen, haben große Datenmengen zu bearbeiten. Alex Miklashevsky hilft dem Museum dabei, diese Daten besser zu organisieren und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Wichtige Schritte auf dem Weg dorthin ist er an der Potsdam Graduate School (PoGS) gegangen, die 2026 ihr 20-jähriges Jubiläum feiert.

Ursprünglich wollte er Literaturwissenschaften studieren. „Das war mir aber bald zu subjektiv. Ich wollte mit belastbaren Daten arbeiten“, erinnert sich der Forscher. Die Linguistik, die auch Teil des Bachelorstudiengangs Philologie im sibirischen Tomsk war, sprach ihn deutlich mehr an. Dort schloss Miklashevsky einen Master sowie einen Ph.D. in Linguistik an, ehe er ein Stipendium für ein Auslandsstudium erhielt, das jedoch die Einladung einer Universität voraussetzte. Bei einer Konferenz lernte er Martin Fischer kennen, der in Potsdam die Professur Kognitive Wissenschaften und die Potsdam Embodied Cognition Group leitet. „Diese Forschungsrichtung hat mich zu der Zeit bereits sehr interessiert“, sagt Miklashevsky. So kam der Forscher als Post-Doc nach Potsdam, wo er einen zweiten Ph.D. in Kognitionswissenschaft absolvierte.

In dieser Zeit besuchte er auch die Potsdam Graduate School (PoGS). Damals lernte er noch Deutsch und besuchte zunächst alle englischsprachigen Kurse. „Dann habe ich mich irgendwann getraut, auch Kurse auf Deutsch zu besuchen. Zum Beispiel den Potential Check, wo man den ganzen Tag miteinander spricht und anschließend evaluiert wird“, sagt der Neurowissenschaftler. Für ihn als Sprachlernenden durchaus eine Hürde. Aber letztlich hat es ihm geholfen, sein Deutsch zu verbessern und selbstbewusster mit der neuen Sprache umzugehen. 

Wenig später hat er an der FU Berlin erstmals auf Deutsch unterrichtet und konnte dabei von dieser Erfahrung profitieren: „Das war eine Herausforderung, weil es natürlich peinlich ist, wenn man vor Studierenden steht und Fehler macht. Aber das ist ganz normal, wenn man eine Sprache lernt. Hauptsache, man wird verstanden“, sagt Miklashevsky. Auch einen neunmonatigen Kurs zur Wissenschaftskommunikation hat der Wissenschaftler bei der PoGS absolviert. Dabei lernte er, die komplexen, dicht mit Fachwörtern durchsetzten Inhalte seines Forschungsgebiets in eine Sprache zu übersetzen, die auch von Menschen verstanden wird, die keine Experten im Feld der Neurowissenschaft sind. 

Eine Fähigkeit, die ihm zweifelsfrei auch bei seiner Rolle als Forschungsleiter des Projekts „Wissenslabor für Naturwissenschaftliche Sammlungen und objektzentrierte Daten“, kurz WiNoDa, zugutekommt. Denn hier arbeitet Miklashevsky mit seinem Team daran, die gewaltigen Datenmengen, die Forschende über die Jahrhunderte in Form von Artefakten, Proben, Etiketten und Tagebucheinträgen angesammelt haben, handhabbar zu machen. „Wir helfen den Forschenden dabei, besser mit diesen Daten zu arbeiten. Welche Informationen gibt es? Was kann man damit machen? Wie integriert man unterschiedliche Daten miteinander? Aber auch bei Fragen zu Statistik, Visualisierung und Wissenschaftskommunikation unterstützen wir das Museum“, erklärt Forschungsgruppenleiter Miklashevsky. 

Dabei spielt die Digitalisierung freilich eine zentrale Rolle. Über 30 Millionen Objekte umfasst die größte naturkundliche Sammlung Deutschlands im Berliner Museum für Naturkunde. Die ältesten Exemplare stammen aus dem frühen 18. Jahrhundert, als Notizen und Etiketten noch handschriftlich verfasst wurden. Diese Aufzeichnungen werden digitalisiert, Objekte fotografiert oder dreidimensional eingescannt und anschließend Epochen, Regionen und Forschenden zugeordnet. Die so gewonnenen Daten werden open source zur Verfügung gestellt, damit Forschende aus aller Welt damit arbeiten können. „Wir haben hier beispielsweise Zehntausende Käfer-Exemplare. Darunter wurden inzwischen schon neue Arten entdecken“, sagt Miklashevsky. 

Die Nachnutzung wird oft zu wenig mitgedacht, findet Miklashevsky: „Was passiert nach der Erfassung? Wenn man seine Daten mit denen von anderen Forschenden aus aller Welt integriert, kann man damit ungeheure Fortschritte machen. Darum habe ich Statistik, Datenvisualisierung und Programmieren gelernt und kann nun anderen zeigen, was man mit Daten alles machen kann und wie cool das ist.“

Das Projekt WiNoDa läuft voraussichtlich bis Ende 2026, eine Weiterförderung soll beantragt werden. Alex Miklashevsky selber will das Projekt jedoch nicht weiterbetreuen: „Das schaffen die auch ohne mich. Ich habe während des Projekts gemerkt, dass es mir fehlt, selber zu forschen: Ich will nicht nur den Umgang mit Daten lehren, sondern auch selber mit diesen arbeiten.“ Zum Sommersemester 2026 wurde Miklashevsky als Vertretungsprofessor für Kognitive Neurowissenschaften an die Uni Potsdam berufen. Er hofft, auch in Zukunft hier forschen zu können: „Ich will nicht aus Potsdam wegziehen und in meinem Bereich arbeiten. Das ist schon sehr anspruchsvoll, aber ich versuche es.“


Die Potsdam Graduate School (PoGS) ist das Kompetenz- und Beratungszentrum für Forschende in der Qualifizierungsphase. Nach dem Motto „Fördern. Weiterbilden. Vernetzen“ unterstützt sie Promovierende, Postdocs sowie Junior- und Tenure-Track-Professor*innen durch finanzielle Förderung, zielgruppenspezifische Weiterbildungen sowie Beratungs- und Vernetzungsangebote für Karrieren in und außerhalb der Wissenschaft. 2026 feiert die PoGS, die ihren Sitz in der Wissenschaftsetage hat, ihr 20-jähriges Jubiläum. Mit Veranstaltungen u.a. zu KI & Innovation, Wissenschaftskommunikation und Research Integrity besucht sie die verschiedenen Campus der Uni Potsdam.

Mehr unter: https://www.uni-potsdam.de/de/pogs/vernetzen/20-jahre-pogs