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Popmusik hoch drei: Mit Pop die Welt verstehen

  • Raphael Börger lächelt in die Kamera.
    Foto: Kevin Ryl
    Raphael Börger ist seit 2022 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Musikwissenschaft der Universität Potsdam.

Popmusik ist überall. Im Supermarkt, im Fernsehen, in den Kopfhörern von Passant*innen und im Radio sowieso. Doch was genau macht Pop eigentlich zu Pop? Woher rührt die Faszination, die Beatles-Fans in Ohnmacht fallen ließ und seit gut hundert Jahren junge Menschen dazu bringt, ihren Kleidungs- und Lebensstil an ihrer Lieblingsmusik auszurichten? Und was erforscht man eigentlich, wenn man sich wissenschaftlich mit Pop auseinandersetzt? Genau diese Fragen sind es, zu denen der Musikwissenschaftler Raphael Börger forscht und lehrt.

Pop … für absolute Beginner 

Woran denkt man, wenn man an Pop denkt? An überlebensgroße Superstars, Gruppen schreiender, verzückter Teenies oder schlicht an das, was läuft, wenn sie das Radio anschalten? Das alles ist Teil dessen, was Pop in den letzten 100 Jahren geworden ist. Woher rührt diese Begeisterung, die Stadien füllt und ganze Generationen junger Menschen zu Gitarren oder Turntables greifen ließ und in Minirock, Schlaghosen oder Schulterpolster gekleidet hat? „Wir verstehen die populäre Musik in der Musikwissenschaft als eine Art Medium, das zwischen der gesellschaftlichen und der individuellen Ebene vermittelt. Im Grunde ist Pop also eine Art und Weise, wie Individuen aus soziokulturellen Gegebenheiten Sinn für sich machen – indem sie sich Klang, Mode und Lebensstile, die durch diese Musik transportiert werden, aneignen und sich dazu in ein Verhältnis setzen, sprich: Fans werden“, sagt Raphael Börger, der im Wintersemester 2025/26 einen Kurs zur „Einführung in die Popular Music Studies“ unterrichtet hat. Pop ist also mehr als Klang, mehr als Musik im engeren Sinn, und zwar immer auch Lebensgefühl, Kleidungsstil und Sinnangebot.

… für Fortgeschrittene 

Und wie erforscht man Pop? Dafür kennt die Musikwissenschaft verschiedene Ansätze, je nachdem welche Dimension des Phänomens Forschende in den Fokus nehmen möchten. Neben der musikalischen Analyse von Popsongs kann man sich dem Phänomen beispielsweise historisch, kulturwissenschaftlich und soziologisch nähern. Oder pädagogisch: „Die Musikpädagogik hat sich schon früh für die populäre Musik geöffnet, weil Schüler*innen ihre Lehrer*innen mit dieser Musik konfrontiert haben und die Pädagog*innen ein Interesse daran hatten, darauf zu reagieren.“ Auch für Ethnolog*innen war das Thema interessant. Etwa für Paul Willis, der in den 1960er Jahren Feldforschung betrieb, indem er mit Hippies und Motorradgangs lebte. Auch das war Popforschung: „Wenn man populäre Musikformen in ihrer gesamten Breite erforschen will, bietet sich je nach Gegenstand ein anderer Ansatz an. Die einen schauen sich die Studiotechnik an, die den Klang von Pop erst möglich macht, und andere fahren auf dem Sozius mit, um Pop zu erforschen“, erklärt Börger. Im Kurs durften Studierende sich einen Hit aussuchen und bestimmte theoretische Ansätze auf diesen anwenden: Haben „The White Stripes“ kulturelle Aneignung betrieben? Was kann man von Taylor Swift über Intermedialität und Gender lernen? Oder von bulgarischer Rockmusik aus den 1970er Jahren über das Leben im Kalten Krieg?

… für Connaisseurs 

„Im Grunde lernen wir durch Forschung zu Popmusik mehr über die Welt und den Menschen. Zum Beispiel gab es in der DDR mit dem Lehrstuhl von Peter Wicke eine der ersten Forschungseinrichtungen für populäre Musik weltweit. So lässt sich über die Geschichte eines Fachs zugleich eine Geschichte des geteilten Deutschlands erzählen“, sagt Raphael Börger. Und über die Geräte, mit denen wir Musik hören, kann man etwas über die Geschichte neuer Technologien und wie diese angenommen wurden lernen: „Es gibt die These, dass Musik maßgeblich dazu beigetragen hat, das iPhone attraktiv zu machen. Dieses wurde als Gerät beworben, mit dem man den beliebten iTunes-Player auch unterwegs nutzen konnte. So hat man mit dem Bekannten Akzeptanz für das Neue geschaffen“, weiß Börger. Dass Pop dazu imstande ist, liegt auch daran, dass es eine Musik ist, die stets versucht, möglichst viele Menschen mitzunehmen: „Plattenfirmen stecken sehr viel Geld in ihre Stars und entwickeln ausgeklügelte Marketingstrategien. Dazu gehören auch die Texte, die möglichst viele Menschen ansprechen sollen und deshalb meist eher vage bleiben. Und fast immer von Liebe handeln. Pop hat also einen Universalitätsanspruch“, sagt Börger. Subkulturen wiederum weisen diesen Anspruch in die Schranken: „Man kann die verschiedenen Subkulturen durchgehen und sich fragen, was zu deren Zeit der Mainstream war. Punk, Hip-Hop oder Rave waren immer auch eine Reaktion auf diesen Universalismus. Eine Kritik an Pop durch Pop.“

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.