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GAIN26 in San Francisco – Wissenschaft, Karriere und Chancengleichheit im Zeichen des Wandels

  • Vier Menschen stellen sich auf eine Bildungsmesse für ein Gruppenfoto zusammen
    Foto: UP
    Auf der GAIN 2026 (v.l.n.r.): der Präsident der Universität Potsdam Prof. Oliver Günther, Ph.D., die Zentrale Gleichstellungsbeauftragte der Universität Potsdam Christina Wolff, die Leiterin der Universitätsallianz UA11+ Dr. Antje Kohse und die Leiterin des Präsidialamtes der Universität Potsdam Dr. Claudia Scharioth
  • Eine Frau auf einer Bildungsmesse neben einem Banner ihrer Universität
    Foto: UP
    Dr. Claudia Scharioth, Leiterin des Präsidialamtes der Universität Potsdam auf der GAIN 2026
  • Saal voll Menschen, Blick auf die Bühne
    Foto: UP
    GAIN 2026

Wie resilient ist Wissenschaft in Zeiten geopolitischer Spannungen, wachsender Wissenschaftsfeindlichkeit und tiefgreifender Veränderungen der internationalen Forschungslandschaft? Und wie können Hochschulen auch unter diesen Bedingungen attraktive Orte für wissenschaftliche Karrieren bleiben? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der diesjährigen Jahrestagung des German Academic International Network (GAIN) im August in San Francisco.

GAIN ist eine gemeinsame Initiative der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Die Jahrestagung bringt Postdocs und Forschende in frühen Karrierephasen aus Nordamerika mit Vertreterinnen und Vertretern deutscher Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Förderorganisationen und Politik zusammen. Mit mehr als 300 Postdocs und insgesamt mehr als 600 Teilnehmenden und Interessierten ist GAIN eine der wichtigsten internationalen Netzwerk- und Karriereveranstaltungen für den deutschen Wissenschaftsstandort.

Der Präsident der Universität Potsdam, Prof. Oliver Günther, die Leiterin des Präsidialamts Dr. Claudia Scharioth und die Leiterin des Koordinationsbüros für Chancengleichheit (KfC) Christina Wolff nutzten die Tagung für Gespräche mit Forschenden, Hochschulleitungen und Wissenschaftsorganisationen sowie für den Austausch über aktuelle Entwicklungen im internationalen Wissenschaftssystem.

Ein Schwerpunkt lag auf der Frage, wie wissenschaftliche Karrieren gestaltet und langfristig ermöglicht werden können. Prof. Oliver Günther war unter anderem am Panel „Unlocking Talent: Gleichstellung auf dem Weg zur Professur – Strukturen, Maßnahmen und Perspektiven“ beteiligt. Die Ausgangslage ist bekannt: Obwohl Frauen inzwischen einen hohen Anteil der Hochschulabschlüsse stellen, nimmt ihr Anteil auf den weiteren wissenschaftlichen Karrierestufen deutlich ab – von rund 46 Prozent bei den Promotionen über 36 Prozent bei den Habilitationen bis zu nur 26 Prozent bei den Professuren. Die sogenannte „leaky pipeline“ zeigt, dass Talent allein nicht entscheidet, wer im Wissenschaftssystem erfolgreich ist. Auf dem Panel wurde deshalb diskutiert, welche strukturellen Bedingungen und konkreten Maßnahmen notwendig sind, um Karrierewege gerechter zu gestalten. Neben der Verantwortung der Hochschulen und Förderorganisationen ging es auch um Instrumente wie das Professorinnenprogramm, strategische Personalentwicklung, aktive Rekrutierung und die Frage, wie Nachwuchswissenschaftlerinnen frühzeitig in ihrer Karriereplanung unterstützt werden können. Das Thema Gleichstellung wurde dabei nicht als Zusatzaufgabe verstanden, sondern als Bestandteil einer leistungsfähigen und zukunftsorientierten Wissenschaft.

Ein zweiter Schwerpunkt war die zunehmende Bedeutung europäischer Kooperationen. In der Spotlight Session „Boosting Your European Research Career in Germany: Opportunities in European Universities Alliances“ ging es um die Chancen, die sich für Forschende aus den Europäischen Hochschulallianzen ergeben. Inzwischen sind zahlreiche deutsche Hochschulen Teil solcher europäischen Netzwerke – die Universität Potsdam mit der EDUC Allianz. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eröffnen sie neue Möglichkeiten für internationale Kooperationen, Forschungsinfrastrukturen, Mobilität, gemeinsame Forschungsservices und Weiterbildungsangebote. Gerade für Forschende in frühen Karrierephasen können diese Netzwerke dazu beitragen, internationale Profile aufzubauen und wissenschaftliche Karrieren stärker europäisch zu denken. Damit wird auch deutlich: Attraktive Karrierebedingungen bemessen sich heute nicht allein an einzelnen Stellen oder Förderprogrammen. Entscheidend sind zunehmend die Netzwerke und wissenschaftlichen Ökosysteme, in denen Forschende arbeiten können.

Mit dem Workshop „Die Realität wissenschaftlicher Karrieren – Fehlschläge als Sprungbrett“ richtete sich ein weiterer Beitrag direkt an Postdocs und Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler. Absagen auf Förderanträge, erfolglose Bewerbungen, kritische Gutachten oder nicht erfolgreiche Berufungsverfahren gehören zum wissenschaftlichen Alltag – werden aber häufig nur selten offen angesprochen. Der Austausch erfolgreicher Professorinnen und Professoren über eigene Rückschläge machte deutlich, dass wissenschaftliche Karrieren selten geradlinig verlaufen. 

Die Diskussionen in San Francisco machten zugleich deutlich, dass Karrierefragen nicht losgelöst von den politischen Rahmenbedingungen betrachtet werden können. Die aktuelle Wissenschaftsfeindlichkeit in den USA, geopolitische Spannungen und Unsicherheiten bei Forschungsförderung und internationaler Zusammenarbeit beschäftigen viele Forschende unmittelbar. Auch die Frage der Gleichstellung gewinne vor dem Hintergrund politischer Angriffe auf Genderforschung und Diversity an Bedeutung.

Für deutsche Hochschulen ergibt sich daraus eine doppelte Aufgabe: Sie müssen attraktive Bedingungen für internationale und mobile Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schaffen und gleichzeitig die eigenen Institutionen gegenüber wissenschaftsfeindlichen und demokratiegefährdenden Einflüssen stärken. Wissenschaftsfreiheit, internationale Kooperation, Gleichstellung, Diversität und Antidiskriminierung sind dabei keine voneinander getrennten Themen. Sie bilden zentrale Voraussetzungen für eine offene, leistungsfähige und resiliente Wissenschaft.

Auch die kritische Diskussion um die GAIN weist auf diese Herausforderung hin: Die Schwächen des US-amerikanischen Wissenschaftssystems sind nicht automatisch die Stärke des deutschen. Deutschland kann Talente nicht allein aufgrund der aktuellen Unsicherheit in den USA gewinnen – entscheidend sind überzeugende Karriereperspektiven, gute Arbeitsbedingungen, internationale Vernetzung und verlässliche wissenschaftliche Strukturen.

Für die Universität Potsdam bietet der Austausch bei GAIN deshalb weit mehr als die Möglichkeit, internationale Kontakte zu pflegen. Er schärft den Blick darauf, wie sich Hochschulen in einem sich verändernden globalen Wissenschaftssystem positionieren können.

Dabei geht es um die Gewinnung und Förderung von Talenten ebenso wie um internationale Kooperationen, europäische Netzwerke und attraktive Karrierewege. Und es geht um eine Hochschulkultur, in der unterschiedliche Perspektiven willkommen sind, Chancengleichheit strukturell verankert ist und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch in Zeiten des Wandels verlässliche Rahmenbedingungen vorfinden.

Die Zukunftsfähigkeit von Hochschulen zeigt sich nicht nur in ihrer wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit, sondern auch daran, ob sie Talente gewinnen, Vielfalt gestalten, wissenschaftliche Freiheit schützen und Menschen auf ihren individuellen Karrierewegen unterstützen können.