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„Ernährung ist kein Sprint, sondern ein Marathon“ – Prof. André Kleinridders im Interview über die Forschung zu Adipositas und den DAG Kongress 2026

  • Ernährungsforscher Prof. Dr. André Kleinridders | Foto: Florian Dönau
    Foto: Florian Dönau
    Ernährungsforscher Prof. Dr. André Kleinridders
  • Ungesunde, zucker- und fetthaltige Lebensmittel | Foto:
    Foto: AdobeStock/beats
    „Ernährung ist kein Sprint, sondern ein Marathon“ – Ernährungsmediziner André Kleinridders über die neueste Forschung zu Übergewicht, Abnehmspritzen und gesunder Ernährung sowie den Adipositaskongress 2026

Viel hat sich in den letzten Jahren getan, was unser Verständnis von Übergewicht und dessen Behandlung betrifft. Was lange als persönliches Versagen galt, wird zunehmend als das verstanden, was es in Wahrheit ist: eine schwere Erkrankung. Auch der Einfluss der Gene, des Mikrobioms und der Umwelt auf das Essverhalten sind inzwischen besser erforscht und die Entwicklung von Abnehmmedikamenten schreitet mit großen Schritten voran. Bei der Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, die vom 23. bis 25. September an der Universität Potsdam stattfindet, werden die neuesten Erkenntnisse aus den Ernährungswissenschaften präsentiert. Florian Dönau hat mit dem Kongresspräsidenten, dem Potsdamer Ernährungsforscher André Kleinridders, gesprochen.

Wird Adipositas heute noch als reine Frage von „zu viel essen, zu wenig bewegen" verstanden oder hat sich das Bild grundlegend gewandelt?

Früher hat man übergewichtigen Menschen immer gern gesagt, dass sie sich schlecht ernähren und zu wenig bewegen. Mittlerweile wissen wir, dass Adipositas mit einer Hormonresistenz einhergeht. Der Körper reagiert nicht sensibel genug auf die körpereigenen Stoffe, die ihm eigentlich Hunger oder Sättigung signalisieren sollten. Das führt dazu, dass man in diesen Fällen dem eigenen Körper nicht mehr „trauen“ kann. Zusätzlich spricht unser Körper evolutionär bedingt sehr gut auf energiereiche Nahrung an: Zucker und energiereiche Nahrung machen uns kurzzeitig glücklich. Hinzu kommen genetische Veranlagung und die Gen-Umwelt-Interaktion. Wir haben es also mit einem multimodalen Problem zu tun, das entsprechend multimodal behandelt werden muss: Verhaltenspräventiv, ernährungsphysiologisch, sportphysiologisch und in einigen Fällen medikamentös oder chirurgisch.

Welche Rolle spielen Genetik und Epigenetik – wie groß ist der Anteil, den wir nicht beeinflussen können?

Aus Studien an eineiigen Zwillingen wissen wir, dass die Genetik 40 bis 70 Prozent bei der Gewichtsregulation ausmacht. Hier müssen wir aber unterscheiden zwischen monogenetischen und polygenetischen Fällen. Eine monogene Veränderung wäre etwa eine Mutation des Hormons Leptin und dadurch ein gestörtes Sättigungsgefühl. In diesen Fällen kann man den Patienten das fehlende Hormon verabreichen und so den Stoffwechsel klar verbessern. Doch diese monogenen Erkrankungen machen nur etwa 5 Prozent der Adipositasfälle aus. Die restlichen 95 Prozent sind polygene Erkrankungen, bei denen das Zusammenspiel mehrerer Gene verändert und so das Risiko für starkes Übergewicht erhöht ist.

Was weiß man mittlerweile über das „Set-Point“-Phänomen – besser bekannt als Jo-Jo-Effekt?

Das ist in der Tat ziemlich gemein. Der Körper versucht immer, sein eigenes Normalgewicht zu verteidigen. Sprich, wenn ich 75 Kilogramm wiege und ein paar Kilo abnehme, nehme ich diese in der Regel wieder zu und umgekehrt genauso. Bei Menschen, die längerfristig übergewichtig sind, kann sich dieses Normalgewicht nach oben verschieben, der Körper passt sich daran an. In der Forschung wird dies als Verschiebung des sogenannten „Set-Points“ beschrieben. Das ist ein großes Problem und immer noch nicht wirklich gut verstanden. Der Set-Point kann wohl nach oben verschoben werden, was dazu führen kann, dass die Sättigung erst später einsetzt. Aber sehr wahrscheinlich kann er nicht oder nur sehr schwer nach unten reguliert werden. Aber auch bei diesem Thema spielt die Genetik wohl eine Rolle.

Welche Rolle spielt das Darmmikrobiom in der aktuellen Forschung?

Es ist immer noch ein wenig unterschätzt. Ein gesundes Mikrobiom stellt Vorläuferprodukte für Botenstoffe wie die Neurotransmitter Dopamin oder Serotonin her, die glücklich machen. Eine intakte Darmbarriere sorgt für weniger Entzündungen im Körper und kommuniziert mit unserem Nervensystem. Es produziert auch kurzkettige Fettsäuren, die das Sättigungsgefühl und den Stoffwechsel unterstützen und dadurch zur Regulation des Körpergewichts beitragen können. Es gibt zudem Studien, in denen gezeigt wurde, dass der Transfer eines gesunden Mikrobioms auf eine erkrankte Person dessen Gesundheitszustand verbessern kann. Unsere Forschung hat gezeigt, dass bestimmte Probiotika das zentrale Nervensystem und damit die Emotionalität positiv beeinflussen können. Es ist also wirklich was dran, wenn Leute sagen, dass sie Bauchschmerzen haben, wenn es ihnen mental nicht gut geht. Aus all diesen Gründen empfehlen wir 30 Gramm Ballaststoffe pro Tag.

Was hat sich in den letzten fünf Jahren im wissenschaftlichen Verständnis von Adipositas am stärksten verändert?

Ich würde sagen, die Therapie mit Inkretinmimetika, wie etwa dem Semaglutid, die aktuell unter Namen wie Wegovy in aller Munde sind. Diese beeinflussen das Sättigungsgefühl und man hört früher auf zu essen. Im Grunde ahmen diese Medikamente körpereigene Darmhormone wie GLP-1 nach, wirken aber deutlich länger, wodurch man länger satt bleibt und eine Körpergewichtsreduktion im zweistelligen Prozentbereich ermöglicht wird. Das führt dazu, dass wir schwerst-adipöse Menschen nicht unbedingt chirurgisch therapieren müssen, sondern über ein Medikament das Körpergewicht reduzieren können. Zusätzlich werden durch diese Medikamente aber auch der Stoffwechsel und die Insulinwirkung verbessert und das Suchtverhalten positiv beeinflusst. Die Effekte sind vielschichtiger als angenommen und es bedarf weiterer Forschung, um diese besser zu verstehen. Zusätzlich haben wir ein besseres Verständnis vom Timing der Nahrungsaufnahme, Stichwort Intervallfasten. Wir leben in einer Gesellschaft, in der eigentlich immer gegessen wird. Bis spät abends und dann morgens früh oft wieder, einfach aus Gewohnheit, auch wenn man nicht unbedingt hungrig ist. Unser Körper repariert sich aber vor allem in den Phasen, in denen wir nicht essen. Das Intervallfasten nutzt diese Strategie, indem man die Nahrungsaufnahme auf acht Stunden pro Tag einschränkt und dem Körper so 16 Stunden Zeit gibt, in denen er mit den Energiereserven haushalten kann. So kann sich etwa der Blutdruck oder der Stoffwechsel bei gleicher Kalorienaufnahme verbessern. Und was unsere Großeltern schon wussten, dass der Körper morgens viel besser mit Kohlenhydraten umgehen kann, verstehen wir mittlerweile auch besser. Also, morgens die energiereiche Nahrung, abends eher proteinreich und dafür weniger Kohlenhydrate. Entsprechend wissen wir, dass man nicht unbedingt die Ernährung an sich verändern muss, sondern einfach das Timing anpassen kann. Wichtig zu erwähnen bleibt aber, dass Ernährung persönlich ist und man für sich herausfinden muss, was langfristig umgesetzt und aufrechterhalten werden kann.

Vom 23. bis 25.9. findet auf dem Campus Griebnitzsee der Uni Potsdam die Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft statt. Worum wird es gehen?

Um Interdisziplinarität. Aufbauend auf dem Wissen, dass es sich um eine multimodale Erkrankung handelt, wollen wir Experten aus Verhaltensprävention, Ernährung, Sportphysiologie, Psychologie und Klinik zusammenbringen. Nur zusammen können wir das Problem Adipositas meistern. Wir müssen Grundlagenforschung, klinische Behandlung, Politik und Patientenvertretung zusammenbringen. Außerdem hat die Konferenz dieses Jahr eine starke internationale Ausrichtung mit der European Association for the Study of Obesity. Es bedarf mehr Aufklärung, um die Risiken von Adipositas sichtbar zu machen und zugleich Entstigmatisierung: Niemand soll sich wegen seines Gewichts schlecht fühlen.

Adipositas wird oft noch als persönliches Versagen wahrgenommen – wie holt die Forschung diese Stigmatisierung ein oder wie widerlegt sie das?

Wenn die Leute sich die Zahlen anschauen und sehen, dass über die Hälfte der Deutschen übergewichtig sind, kann ich mir nicht vorstellen, dass man weiterhin sagt sollte, dass alle diese Menschen „einfach weniger essen oder mehr Sport machen“ müssen. Hier braucht es mehr Aufklärung, die deutlich macht, dass es sich um eine pathophysiologische Veränderung handelt, durch die die körpereigenen Signale zu spät wahrgenommen werden, um etwa die Sättigung optimal wahrzunehmen. Wir dürfen nicht vergessen, dass Nahrungsaufnahme und Emotionalität stark miteinander verbunden sind. Da hilft es auch nicht unbedingt immer, mit einer App Kalorien zu zählen, die mir sagt, dass ich jetzt genug gegessen habe, während ich mich immer noch hungrig und schlecht fühle. Diese Verbindung von Essen und Emotionalität ist schwer zu knacken. Auch hier gilt: Aufklärung führt zu besserem Verständnis und Akzeptanz. Es ist eine Erkrankung. Niemand würde jemanden verurteilen, der Bluthochdruck hat.

Was müssten Politik und Gesundheitssystem in dieser Hinsicht besser machen?

Ich hoffe, die Zuckerabgabe kommt. Andere Länder haben gezeigt, dass das funktioniert und ökonomisch keine negativen Auswirkungen haben muss. Die Hersteller halten sich an die Regeln und die Getränke werden weniger süß. Und wenn wir auf Zucker verzichten, ändert sich nach sieben Tagen die Empfindlichkeit für Süßes ohnehin. Wir würden also gar nicht merken, dass etwas weniger süß ist. Es ist unglaublich schwer, das Verhalten von uns Menschen zu verändern und Verbote helfen oft nicht. Aber wenn ungesunde Lebensmittel schwerer verfügbar wären, hätte das schon einen großen Effekt. 
Außerdem bin ich für kostenlose Schul- und Kitaversorgung, womit man gewährleisten könnte, dass jedes Kind zumindest zum Frühstück und Mittagessen etwas Gesundes vorgesetzt bekommt und dadurch ein Lernprozess einsetzen kann.

Zum Abschluss: Was würden Sie einer betroffenen Person mit auf den Weg geben wollen?

Nicht aufgeben! Es ist unglaublich schwer, gegen den eigenen Körper anzutreten, wenn der einem doch was anderes vermittelt. Man kämpft gegen den Set-Point, der das Gewicht immer wieder hochtreiben möchte. Es wird also wahrscheinlich Rückschläge geben, das ist ganz normal. Dafür muss man sich nicht selbst bestrafen, sondern sollte einfach weitermachen. Letztlich braucht man eine lebenslange Ernährungsumstellung und keine Diät – und die kann für jeden anders aussehen. Ernährung ist leider kein Sprint, sondern ein Marathon.


Prof. Dr. André Kleinridders ist Professor für Molekulare und Experimentelle Ernährungsmedizin und Kongresspräsident des Adipositaskongress 2026. 

Link zum Kongress: https://dag-kongress.de