Was ist die EGPA?
Die EGPA, die European Group for Public Administration, ist eine wissenschaftliche Vereinigung der europäischen Verwaltungswissenschaften. Sie besteht aus Wissenschaftlern und Verwaltungspraktikern aus ganz Europa und bietet eine Plattform für wissenschaftlichen Austausch und Vernetzung. Besonders wichtig sind dabei die Möglichkeiten für Nachwuchswissenschaftler, sich einen Platz in der Forschungsgemeinschaft zu erarbeiten. Die EGPA hilft bei der Entwicklung von Forschungsprojekten und der Vorbereitung von Publikationen und veranstaltet zudem eine jährliche Konferenz, die in verschiedenen Städten und Universitäten Europas stattfindet. Als Untereinheit des International Institute of Administrative Sciences (IIAS), zu dem auch regionale Einheiten aus Lateinamerika und Asien gehören, blickt die EGPA auf eine traditionsreiche Geschichte zurück. Die Muttergesellschaft IIAS wurde bereits 1930 gegründet. Sie ermöglicht eine globale Vernetzung im Bereich der Verwaltungswissenschaften, die gerade angesichts aktueller geopolitischer Spannungen und Polarisierungen immer wichtiger wird.
Warum haben Sie für die Präsidentschaft kandidiert?
Ich bin seit vielen Jahren aktiv in der EGPA – die Universität Potsdam ist institutionelles Mitglied der EGPA – und ich habe die internationale Komponente meiner Karriere dieser Vereinigung zu verdanken. Zahlreiche Publikationen und Erkenntnisse sind aus meiner aktiven Teilnahme an EGPA-Veranstaltungen hervorgegangen – sie war ein echtes Sprungbrett für meine wissenschaftliche Laufbahn. Nachdem ich mehrmals gefragt worden bin, ob ich für die Präsidentschaft kandidieren würde, war es nun Zeit für diesen Schritt. Führende Persönlichkeiten auch aus der Potsdamer und europäischen Verwaltungswissenschaft haben die EGPA geprägt, darunter der frühere Inhaber meiner Professur, Werner Jann, und unser langjähriger Gastprofessor, Geert Bouckaeart, die beide ehemalige EGPA-Präsidenten sind. Da es innerhalb der europäischen Verwaltungswissenschaften derzeit einige Spannungen gibt und manche Mitglieder eigene Organisationen voranbringen möchten, halte ich es für wichtig, die EGPA als starke Vereinigung in Europa zu erhalten und gleichzeitig zu erneuern – und sie zukunftsfest auszurichten.
Was haben Sie sich als Präsidentin vorgenommen?
Mein Ziel ist es, die EGPA innerhalb der IIAS zu reformieren. Dazu möchte ich neue Akzente setzen, darunter eine größere Autonomie in finanziellen, institutionellen und inhaltlichen Belangen. Bestehende Partnerschaften im Bereich Public Administration sollen intensiviert und erneuert werden, sei es durch trans-europäische Dialoge zwischen West- und Osteuropa (TED) oder den Austausch mit Forschenden aus den USA im Rahmen des transatlantischen Dialogs (TAD) oder durch neue Formate mit anderen Regionen, z.B. im Mittelmeerraum (Mediterranian Dialogue – MED). Ich sehe auch, dass die Partnerschaft mit der IIAS reformiert werden muss, indem die regionalen Einheiten mehr Handlungsfreiheit bekommen – angelehnt an ein föderales Modell. Im Bereich der Konferenzen wünsche ich mir modernere Formate und größere Flexibilität. Die Permanent Study Groups (PSGs) sind das Rückgrat der EGPA, und ich plane, diese zu stärken, aber auch neue Gruppen und Formate, wie z.B. Ad Hoc Groups, Specialized Panels, auszuprobieren und ggf. zu verstetigen. Hierzu wird der neue „EGPA Booster Grant“ in Höhe von 20.000 Euro beitragen, den wir öffentlich ausschreiben werden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Unterstützung für benachteiligte Regionen. Ziel ist es, Forschenden aus diesen Gebieten die Teilnahme an Konferenzen – auch finanziell – zu erleichtern. Dazu haben wir bereits einen Travel Grant in Höhe von 15.000 Euro eingerichtet. Das PhD Symposium möchte ich reformieren, um es für junge Forschende als Plattform ertragreicher zu machen. Zudem möchte ich die Organisation von Konferenzen attraktiver gestalten und die Local Organizer stärken, die schließlich unser wichtigstes „Produkt“ sicherstellen: die Jahreskonferenzen.
Wie profitiert Ihre Forschung davon?
Die EGPA ist von unschätzbarem Wert für jüngere Forschende, auch meine Doktorandinnen und Doktoranden, um sich international zu vernetzen. Sie bietet ein hervorragendes Forum, um sich mit renommierten Wissenschaftlern auszutauschen, die man sonst oft nur aus der Literatur kennt. Diese Begegnungen führen nicht selten zu gemeinsamen Publikationen und Forschungsprojekten, die sich über Universitäten und Ländergrenzen hinweg erstrecken. Beispiele sind die von mir eingeworbene und geleitete COST Action „Local Public Sector Reforms“ (2013–2017), an der Forschende aus über 30 Ländern teilnahmen, oder auch meine Gastprofessur an der Universität Lund, die aus Kontakten innerhalb der EGPA entstanden ist. Ich habe viele Beiträge und Bücher veröffentlicht, die aus EGPA Permanent Study Groups hervorgegangen sind. Diese und andere Wegmarken haben meine Karriere entscheidend vorangebracht.
Welche zentralen Themen sehen Sie in den kommenden Monaten und Jahren?
Thematische Gemeinsamkeiten für Forschende der EGPA sind Krisengovernance, administrative Resilienz, Verwaltungsdigitalisierung, Democratic Backsliding und Große Transformationen. Ein zentrales Thema, um das sich alles dreht, ist natürlich KI. Gleichzeitig stehen wir als wissenschaftliche Gemeinschaft vor globalen und innereuropäischen Herausforderungen, die zu Abgrenzungen führen und Kooperationen erschweren. Hierzu gehören geopolitische Differenzen mit Ländern, wie Ungarn und Russland, sowie Fragen der Kooperation mit China und den BRICS-Staaten. Dennoch sollten wir als Forschende die ausgestreckte Hand nicht zurückziehen und weiterhin Brücken innerhalb unserer Gemeinschaft bauen, die eine rein politische Logik nicht zulässt.
Vor welchen Herausforderungen stehen Verwaltungen im Jahr 2026?
Ein entscheidendes Feld bleibt die Polykrise, bei der sich multiple Krisen überlappen und interagieren. Maßnahmen zur Bewältigung einer Krise können zur Ursache der nächsten werden, was die Verwaltungswissenschaft besonders bewegt, da Verwaltungen in der Regel entscheidende Akteure bei der Krisenbewältigung sind. Digitalisierung und künstliche Intelligenz werden ebenfalls einen Schwerpunkt bilden. Es geht darum zu fragen, wie weit KI bereits im öffentlichen Sektor etabliert ist und Verwaltungsroutinen verändert, wie sich die Länder dabei unterscheiden und wie KI der Verwaltung bei der Service-Erbringung hilft, aber auch welche Risiken sie birgt. Zudem stehen natürlich auch klassische Themen, wie Öffentliches Personal, Verwaltungsreform, Performance Management und Bürokratieabbau, weiterhin im Vordergrund. Diese berühren auch meine Arbeit im Nationalen Normenkontrollrat (NKR).
Weitere Informationen:
Zur EGPA-Präsidentschaft von Prof. Kuhlmann: https://www.uni-potsdam.de/de/ls-kuhlmann/egpa
Zur Forschung von Prof. Kuhlmann: https://www.uni-potsdam.de/de/ls-kuhlmann/lehrstuhl/sabine-kuhlmann
Zur European Group for Public Administration (EGPA): https://www.iias-iisa.org/egpa/#1

